2. Oktober 2026 Heinz W. Süess
Wenn über hohe Krankenstände diskutiert wird, stehen häufig Erkältungswellen, Personalmangel und steigende Kosten im Mittelpunkt. Doch hinter einem erheblichen Teil der längeren Ausfälle stehen psychische Erkrankungen.
Im ersten Halbjahr 2026 waren sie bei den DAK-versicherten Beschäftigten in Deutschland die häufigste Ursache für Fehlzeiten (DAK-Gesundheit, 2026b).
Und die Schweiz? Ist die Arbeitswelt hier psychisch gesünder – oder sieht es nur deshalb so aus, weil wir andere Zahlen betrachten?
Die ehrliche Antwort lautet: Aus den hier betrachteten Statistiken lässt sich keine belastbare Rangliste ableiten. Die Schweizer Daten zeigen jedoch deutlich, dass psychische Belastungen auch hier ein relevantes Thema sind. Ein Vergleich lohnt sich deshalb – nicht als Wettbewerb zwischen zwei Ländern, sondern als Orientierung für Unternehmen, HR-Verantwortliche und Führungskräfte.
CH
Die Schweiz: Belastet trotz Zufriedenheit
Die Schweizerische Gesundheitsbefragung zeichnet ein differenziertes Bild. Im Jahr 2022 waren die meisten Erwerbstätigen mit ihrer Arbeit zufrieden – und dennoch erlebte fast jede vierte Person häufig Stress.
der Erwerbstätigen waren mit ihrer Arbeit ziemlich, sehr oder extrem zufrieden.
berichteten, bei der Arbeit meistens oder immer Stress zu erleben.
(Bundesamt für Statistik [BFS], 2024)
Häufiger Stress hat bei Frauen deutlich zugenommen
Besonders deutlich hat der häufige Arbeitsstress bei Frauen zugenommen. Bei Männern fiel der Anstieg geringer aus.
Häufiger Arbeitsstress in der Schweiz
Anteil Erwerbstätige, die meistens oder immer Stress erleben
Emotionale Erschöpfung als Warnsignal
Hinzu kommt die emotionale Erschöpfung. Das BFS bezeichnet sie als Warnsignal für ein erhöhtes Burnout-Risiko (BFS, 2024).
Alle Erwerbstätigenfühlten sich 2022 bei der Arbeit zunehmend emotional verbraucht.
Bei häufigem Stresswaren es unter den Personen, die meistens oder immer Stress erlebten.
Was diese Zahlen nicht aussagen
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung nötig. Die Befragung beschreibt Belastung und Gesundheitszustand, nicht die Zahl psychisch bedingter Krankschreibungen.
- Häufiger Stress≠ärztliche Diagnose
- Emotionale Erschöpfung≠nachgewiesene psychische Erkrankung
- Belastet sein≠bei der Arbeit fehlen
Und die Absenzstatistik?
Auch die allgemeine Absenzstatistik beantwortet diese Frage nicht. Laut einer auf BFS-Daten beruhenden Meldung lagen die gesundheitsbedingten Absenzen bei Vollzeitarbeitnehmenden 2025 durchschnittlich bei 8,2 Tagen pro Arbeitsstelle. 2020 waren es 8,1 Tage. Diese Zahl umfasst Krankheit und Unfall, nicht ausschliesslich psychische Erkrankungen (AWP, 2026).
DE
Deutschland: Lange Ausfälle prägen das Bild
Für Deutschland liefert der DAK-Psychreport 2026 detaillierte Angaben zu ärztlich dokumentierten Arbeitsunfähigkeiten. Die Auswertung basiert auf den Daten von 2,4 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten im Jahr 2025. Die Ergebnisse wurden nach Alter und Geschlecht standardisiert (DAK-Gesundheit, 2026a).
der krankheitsbedingten Fehltage gingen 2025 auf psychische Erkrankungen zurück – Platz zwei der Erkrankungsgruppen.
Für Betriebe ist besonders die Dauer der Ausfälle relevant: Eine Krankschreibung wegen einer psychischen Erkrankung dauerte durchschnittlich 34,2 Tage. Insgesamt hatten 7 % der DAK-versicherten Beschäftigten im Jahresverlauf mindestens eine entsprechende Arbeitsunfähigkeit (DAK-Gesundheit, 2026a).
Nicht pauschal «Burnout»
Der Bericht zeigt zudem, warum psychische Erkrankungen nicht pauschal als «Burnout» bezeichnet werden sollten. Depressionen verursachten rund 55 % der psychisch bedingten Fehltage. Eine weitere wichtige Diagnosegruppe waren Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (DAK-Gesundheit, 2026a).
Halbjahr 2026: Die Gewichte verschieben sich
Die Halbjahresauswertung 2026 verschärft das Bild – verglichen mit dem Vorjahreszeitraum:
Psychische Erkrankungen wurden damit zur häufigsten Ursache für Fehlzeiten in diesem Versichertenbestand (DAK-Gesundheit, 2026b).
Das ist ein relevantes Signal. Es ist aber keine Vollerhebung aller deutschen Beschäftigten – und ein Halbjahresergebnis darf nicht als bereits feststehendes Jahresergebnis gelesen werden.
Warum die Zahlen nicht gleich sind
gesundheitsbedingte Absenztage bei Vollzeitarbeitnehmenden, pro Arbeitsstelle (2025)
ärztlich dokumentierte Arbeitsunfähigkeit bei DAK-versicherten Beschäftigten
Auf den ersten Blick scheint die Schweiz deutlich besser abzuschneiden (AWP, 2026; DAK-Gesundheit, 2026b).
Dieser Schluss wäre jedoch voreilig.
Datengrundlagen: AWP (2026), BFS (2024) und DAK-Gesundheit (2026a, 2026b).
Die Kennzahlen unterscheiden sich hinsichtlich:
- Bevölkerung
- Erfassungsmethode
- Zeiteinheit
- Beobachtungszeitraum
Sie nebeneinanderzustellen ist informativ. Sie als direkte Rangliste der psychischen Gesundheit zu interpretieren, ist methodisch nicht gerechtfertigt.
Hinzu kommt eine Grenze der Schweizer Gesundheitsbefragung: Sie zeigt statistische Zusammenhänge, beweist aber keine Kausalität. Das BFS weist ausdrücklich darauf hin, dass Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand nicht zwingend ursächlich sind. Veränderungen in den Selbstauskünften können zudem sowohl veränderte Bedingungen als auch eine veränderte Wahrnehmung widerspiegeln (BFS, 2024).
Was Unternehmen daraus ableiten können
Besonders anschaulich wird die gemeinsame Herausforderung im Gesundheitswesen.
Frauen im Gesundheits- und Sozialwesen mit häufigem Arbeitsstress
Quelle: BFS (2024)
Psychisch bedingte Fehltage je 100 Versicherte, 2025
Quelle: DAK-Gesundheit (2026a)
Auch diese Zahlen messen nicht dasselbe. Sie zeigen aber aus unterschiedlichen Perspektiven, warum psychische Gesundheit gerade in menschenbezogenen Dienstleistungen betriebliche Aufmerksamkeit verdient.
Prävention beginnt vor der Krankschreibung
Psychische Gesundheit sollte im Betrieb nicht erst dann zum Thema werden, wenn Mitarbeitende ausfallen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, Prävention auf mehreren Ebenen anzusetzen (World Health Organization [WHO], 2022):
Belastende Arbeitsanforderungen überprüfen und Mitarbeitende an Verbesserungen beteiligen.
Für einen angemessenen Umgang mit psychischen Belastungen schulen und sensibilisieren.
Individuell unterstützen, etwa mit Angeboten zur Stressbewältigung.
Angebote zur Stressbewältigung können diese Massnahmen ergänzen, sollten aber nicht an die Stelle besserer Arbeitsbedingungen treten.
Für Unternehmen bedeutet das: Prävention ist mehr als ein Resilienzworkshop – sie gehört in die Gestaltung des Arbeitsalltags und in die Führungskultur.
Drei praktische Ansatzpunkte
Arbeitsbedingungen statt nur Belastbarkeit betrachten
Die DAK empfiehlt ein systemisch angelegtes betriebliches Gesundheitsmanagement, das Strukturen und Prozesse untersucht und Mitarbeitende an Veränderungen beteiligt.
Eine sinnvolle betriebliche Prüfung kann deshalb bei diesen Faktoren ansetzen (DAK-Gesundheit, 2026a):
- Arbeitsmenge
- Prioritäten
- Handlungsspielraum
- soziale Unterstützung
Unterstützung nicht erst beim Ausfall beginnen
Die Schweizer Daten zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen häufigem Stress und emotionaler Erschöpfung.
Daraus lässt sich als praktische Empfehlung ableiten, Belastungen regelmässig anzusprechen und zugängliche Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen – ohne aus solchen Gesprächen eine Diagnose abzuleiten (BFS, 2024).
Lange Ausfälle gesondert berücksichtigen
Eine durchschnittliche psychische Krankschreibung von rund 34 Tagen stellt andere Anforderungen an Personalplanung und Rückkehrbegleitung als ein kurzer Infekt.
Unternehmen sollten deshalb nicht nur die Anzahl der Krankmeldungen betrachten, sondern auch Dauer und Verlauf der Abwesenheiten (DAK-Gesundheit, 2026a).
Wie das konkret aussehen kann
Ein Team berichtet wiederholt über Überlastung.
Ausschliesslich einen Resilienzworkshop anbieten.
Die Führung überprüft gemeinsam mit den Mitarbeitenden die Arbeitsorganisation.
Gemeinsam geklärt wird:
- Welche Aufgaben haben tatsächlich Priorität?
- Welche Prozesse beanspruchen unnötig Zeit?
- Wo ist Entlastung möglich?
Individuelle Unterstützung und bessere Arbeitsorganisation werden so nicht als Alternativen behandelt, sondern miteinander verbunden.
Fazit
«Ist die Schweiz also psychisch gesünder als Deutschland?»
Die hier betrachteten Daten erlauben diese Aussage nicht.
Sie zeigen aber, dass Schweizer Unternehmen keinen Anlass haben, psychische Belastungen als vorwiegend deutsches Problem abzutun.
Entscheidend ist nicht die nationale Rangliste, sondern die Frage, wie Betriebe:
- Belastungen erkennen,
- Arbeitsbedingungen gestalten und
- Mitarbeitende bei längeren Ausfällen begleiten.
Literaturverzeichnis
- AWP. (2026, 21. Mai). Zahl der Arbeitsstunden bleibt 2025 in der Schweiz stabil. cash. https://www.cash.ch/news/zahl-der-arbeitsstunden-bleibt-2025-in-der-schweiz-stabil-939220
- Bundesamt für Statistik. (2024). Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand, 2012–2022. https://dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/31866442/master
- DAK-Gesundheit. (2026a, 1. Oktober). DAK Psychreport 2026. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2026_163000
- DAK-Gesundheit. (2026b). Gesundheitsreport. Abgerufen am 6. Oktober 2026, von https://www.dak.de/presse/bundesthemen/gesundheitsreport_48012
- World Health Organization. (2022). WHO guidelines on mental health at work. https://www.who.int/publications/i/item/9789240053052
