21. August 2026 Heinz W. Süess
Viele Unternehmen investieren in Employee Assistance Programs (EAP), Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), Resilienztrainings oder Beratungsangebote. Trotzdem sprechen Mitarbeitende oft erst dann über Überlastung, Konflikte oder persönliche Krisen, wenn die Situation bereits eskaliert ist.
Das Problem ist selten, dass es überhaupt kein Angebot gibt.
Häufig fehlt etwas anderes: Vertrauen.
Schweigen bedeutet nicht: kein Bedarf
Psychische Belastungen am Arbeitsplatz sind kein Randthema.
der Erwerbstätigen in der Schweiz fühlten sich gemäss Job-Stress-Index 2022 von Gesundheitsförderung Schweiz ziemlich oder sehr emotional erschöpft – erstmals seit 2014 über der 30-Prozent-Marke.Ulshöfer & Jensen, 2022
Emotionale Erschöpfung bedeutet nicht automatisch eine psychische Erkrankung. Sie ist aber ein relevantes Signal: Wenn arbeitsbezogene Belastungen über längere Zeit stärker sind als verfügbare Ressourcen und Erholungsmöglichkeiten, steigt das Risiko, dass Gesundheit, Leistung, Zusammenarbeit und Bindung an den Arbeitgeber leiden.
Zwischen den beiden Schritten liegt jedoch häufig eine hohe Schwelle:
Das gilt besonders bei:
Gerade leistungsstarke und pflichtbewusste Mitarbeitende schweigen oft lange. Sie möchten funktionieren, niemandem zusätzliche Arbeit verursachen und nicht als «nicht belastbar» gelten.
Vier Gründe, warum Angebote nicht genutzt werden
Zweifel an der Vertraulichkeit
Ein EAP oder internes Beratungsangebot kann auf dem Papier vertraulich sein. Entscheidend ist aber, ob Mitarbeitende diese Vertraulichkeit auch tatsächlich glauben.
Eine kritische Literaturreview von Long (2024) zeigt, dass Sorgen um Stigmatisierung, Vertraulichkeit, Reputation und berufliche Entwicklung die Nutzung von EAPs beeinträchtigen können. Mitarbeitende können EAPs als zu stark mit Management, Leistungskontrolle oder organisationaler Steuerung verbunden wahrnehmen. Das senkt die Bereitschaft, sich an ein solches Angebot zu wenden.
Eine qualitative, gemischt-methodische Studie mit 30 EAP-berechtigten Beschäftigten aus Kanada und den USA identifizierte drei zentrale Barrieregruppen: strukturelle und informationelle Hürden, psychosoziale und wahrnehmungsbezogene Hürden sowie Bedenken zur Qualität, Reichweite und kulturellen Passung des Angebots. Zu den im Hintergrund der Studie beschriebenen Barrieren gehören Stigma, Zweifel an der Qualität, Sorgen um die Vertraulichkeit und administrative Hürden wie Wartezeiten (Siddiqui et al., 2026).
Der Satz «Das Angebot ist vertraulich» reicht nicht. Mitarbeitende sollten konkret verstehen:
- Wer erhält welche Informationen?
- Werden Namen, Gesprächsinhalte oder individuelle Fälle weitergegeben?
- Was sieht HR – und was ausdrücklich nicht?
- Welche Daten werden gespeichert und wie lange?
- Welche Ausnahmen von der Vertraulichkeit bestehen, etwa bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung?
- Wie werden anonyme Nutzungsdaten von einzelnen Gesprächen getrennt?
Je verständlicher und glaubwürdiger diese Fragen beantwortet sind, desto eher kann Vertrauen entstehen.
Stigma und Angst vor einem Karriereknick
Viele Mitarbeitende verbinden psychologische Unterstützung noch immer mit einem möglichen Makel. Sie befürchten, als instabil, schwierig, überfordert oder weniger leistungsfähig eingeordnet zu werden.
Long (2024) beschreibt, dass die historisch therapeutische und teils problemorientierte Prägung von EAPs ihre Nutzung erschweren kann. Mitarbeitende sorgen sich, dass die Inanspruchnahme ihre persönliche Reputation oder Karriereentwicklung negativ beeinflussen könnte. In der Konsequenz wird ein potenziell hilfreiches Angebot nicht genutzt – nicht weil kein Bedarf besteht, sondern weil die wahrgenommenen Risiken zu hoch erscheinen.
Es braucht keine schwere Krise. Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn jemand:
- sich dauerhaft erschöpft fühlt
- mit einer schwierigen Führungssituation ringt
- einen Konflikt nicht mehr loslässt
- kaum noch Erholung zwischen Arbeit und Privatleben findet
- nach einem belastenden Ereignis Orientierung benötigt
- merkt, dass Konzentration, Geduld oder Leistungsfähigkeit abnehmen
Prävention beginnt nicht erst bei einer Diagnose oder Arbeitsunfähigkeit. Sie beginnt dort, wo jemand ohne Rechtfertigungsdruck und ohne Angst vor Konsequenzen sprechen kann.
Das Angebot wirkt zu nah am Arbeitgeber
Viele Mitarbeitende fragen sich: «Ist dieses Angebot wirklich für mich da – oder dient es am Ende vor allem dem Unternehmen?»
Diese Skepsis ist nachvollziehbar. Der Arbeitgeber finanziert das Angebot, HR kommuniziert es, und Führungskräfte verweisen eventuell darauf. So kann der Eindruck entstehen, dass Beratung Teil eines Kontroll- oder Leistungsmanagementsystems ist.
Long (2024) argumentiert, dass EAPs an Glaubwürdigkeit verlieren können, wenn sie aus Sicht der Mitarbeitenden zu eng mit Managementinteressen verbunden sind. Werden Nutzen und Kennzahlen primär über Produktivität, Leistungsfähigkeit oder Kostenkontrolle erklärt, kann das den Eindruck verstärken, dass das Angebot eher dem Arbeitgeber als der betroffenen Person dient.
Das bedeutet nicht, dass Unternehmen keine Unterstützung finanzieren sollten. Im Gegenteil: Sie sollen Verantwortung übernehmen. Entscheidend ist eine saubere Rollentrennung.
Aufgabe des Arbeitgebers
- Arbeitsbedingungen verbessern
- Psychosoziale Risiken erkennen und reduzieren
- Führungskräfte befähigen
- BGM, Prävention und Prozesse gestalten
- Anonymisierte Trends für Verbesserungen nutzen
Aufgabe einer vertraulichen Beratung
- Persönliche Anliegen vertraulich besprechen
- Orientierung, Entlastung und nächste Schritte ermöglichen
- Einen geschützten Raum ausserhalb der Hierarchie bieten
- Keine personenbezogenen Informationen an den Betrieb weitergeben
- Identität und Gesprächsinhalte der Person schützen
In der Schweiz verweist das SECO darauf, dass psychosoziale Risiken negative psychologische, körperliche und soziale Folgen haben können, wenn Arbeitsorganisation oder soziales Arbeitsumfeld ungünstig gestaltet sind. Der Schutz der psychischen Gesundheit bei der Arbeit ist daher nicht nur eine Frage individueller Resilienz, sondern auch eine Gestaltungsaufgabe der Organisation (Staatssekretariat für Wirtschaft [SECO], n.d.).
Der Unterstützungsbedarf wird zu spät erkannt
Ein weiterer Grund lautet oft: «So schlimm ist es noch nicht.» Viele Menschen warten, bis sie kaum noch schlafen, konstant erschöpft sind, Konflikte eskalieren oder eine Absenz unausweichlich erscheint.
Die Studie von Siddiqui et al. (2026) zeigt, dass neben psychosozialen Barrieren auch fehlende Information, unklare Zugänge, Wartezeiten, fehlende Zeit und wahrgenommene Qualitätsprobleme die Nutzung erschweren können. Wenn der Zugang kompliziert oder das Angebot nicht verständlich erklärt ist, wird aus einem ersten Zögern schnell ein dauerhaftes Aufschieben.
Genau hier liegt der Wert niedrigschwelliger Unterstützung: Es muss nicht erst etwas Dramatisches geschehen sein, damit ein Gespräch legitim ist.
Warum BGM allein die Lücke nicht schliesst
BGM ist zentral. Es schafft den organisationalen Rahmen, um Gesundheit systematisch zu fördern, Belastungen zu reduzieren und Ressourcen zu stärken. Dazu zählen beispielsweise Arbeitsgestaltung, Führung, Teamkultur, Prävention, Gesundheitsförderung, Arbeitssicherheit und Absenzenmanagement.
Ein gutes BGM löst jedoch nicht jedes vertrauliche Anliegen. Eine Mitarbeitende will vielleicht nicht offen ansprechen, dass sie:
- sich durch eine bestimmte Führungsperson unter Druck gesetzt fühlt
- familiär stark belastet ist
- Angst hat, Anforderungen nicht mehr zu genügen
- sich in einem Teamkonflikt isoliert fühlt
- psychisch erschöpft ist, ohne dass dies im Betrieb bekannt werden soll
Deshalb braucht BGM ergänzende Zugänge. Nicht als Ersatz für gute Führung, ausreichende Ressourcen und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen, sondern als zusätzlicher, vertraulicher Weg für Themen, die jemand intern nicht teilen möchte oder kann.
Was Unternehmen konkret tun können
Ein Unterstützungsangebot wird nicht dadurch wirksam, dass es im Intranet erwähnt wird. Es braucht wiederholte Sichtbarkeit, glaubwürdige Kommunikation und klare Grenzen.
Vertraulichkeit konkret erklären
Kommunizieren Sie nicht nur «vertraulich», sondern beantworten Sie präzise:
- Keine Namen und keine Gesprächsinhalte an Arbeitgeber, HR oder Führungskräfte.
- Keine personenbezogenen Fallberichte.
- Ausschliesslich anonymisierte und aggregierte Auswertungen, sofern solche überhaupt vorgesehen sind.
- Transparente Erklärung der Datenschutz- und Datenhaltungsgrundsätze.
- Klare Darstellung möglicher Ausnahmen bei akuter Gefährdung.
Das Angebot als Prävention positionieren
Ein Beratungsangebot sollte nicht nur bei «schweren psychischen Problemen» kommuniziert werden. Entstigmatisierende Formulierungen sind hilfreicher:
- «Wenn Sie etwas beschäftigt.»
- «Wenn Sie eine neutrale Aussensicht wünschen.»
- «Wenn Arbeit, Team, Führung oder Privates gerade viel Raum einnehmen.»
- «Wenn Sie früh sortieren möchten, bevor aus Belastung eine Krise wird.»
Führungskräfte entlasten und befähigen
Führungskräfte sind keine Therapeutinnen und Therapeuten. Sie müssen weder Diagnosen stellen noch private Probleme lösen. Ihre Aufgabe ist es, Veränderungen wahrzunehmen, respektvoll anzusprechen, zuzuhören und passende Unterstützung zugänglich zu machen.
Ich habe den Eindruck, dass Sie im Moment stark unter Druck stehen. Sie müssen mir keine privaten Details erzählen. Mir ist wichtig, dass Sie wissen: Es gibt eine vertrauliche Stelle, mit der Sie das in Ruhe besprechen können.»
Nutzung nicht mit Überwachung verwechseln
Unternehmen dürfen wissen wollen, ob ein Angebot grundsätzlich erreicht wird und welche strukturellen Themen sichtbar werden. Sie sollten jedoch keine individuellen Nutzungsdaten, Namen oder Gesprächsinhalte erwarten.
Sinnvoll sind anonymisierte Angaben zu:
- Reichweite und Bekanntheit des Angebots
- Anzahl Kontakte auf ausreichend aggregierter Ebene
- allgemeinen Themenclustern, sofern keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen möglich sind
- Zufriedenheit mit Zugang und Qualität
- wiederkehrenden Belastungsthemen als Impuls für Präventionsarbeit
Nicht sinnvoll sind Listen mit Namen, Auswertungen für zu kleine Teams oder Abteilungen oder jeder Versuch, aus Daten auf einzelne Personen zu schliessen.
Die Rolle von careTALKS
careTALKS schafft einen geschützten Gesprächsraum für Mitarbeitende, die früh, diskret und ohne organisatorische Konsequenzen über Belastungen sprechen möchten. Das Angebot ist keine Therapie und ersetzt weder medizinische noch psychotherapeutische Unterstützung. Es kann jedoch ein hilfreicher erster Schritt sein: für Menschen, die ihre Situation sortieren, eine neutrale Aussensicht erhalten oder nächste Schritte klären möchten.
Der entscheidende Punkt ist die Rollentrennung:
- Der Arbeitgeber ermöglicht und finanziert den Zugang.
- Mitarbeitende entscheiden selbst, ob und wann sie ihn nutzen.
- Das Gespräch bleibt bei der Person.
- Der Betrieb erhält keine personenbezogenen Einblicke.
- Erkenntnisse können – falls vereinbart und ausreichend anonymisiert – auf Organisationsebene in Prävention und BGM einfliessen.
So kann aus einem gut gemeinten Angebot ein tatsächlich nutzbarer Zugang werden.
Fazit
Mitarbeitende schweigen nicht, weil ihnen Gesundheit egal ist oder weil sie keine Unterstützung brauchen. Sie schweigen oft, weil sie befürchten, dass Offenheit Folgen haben könnte.
Ein EAP- oder BGM-Angebot kann seine präventive Wirkung erst dann entfalten, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:
- Mitarbeitende verstehen, wann sie das Angebot nutzen können.
- Sie vertrauen darauf, dass persönliche Inhalte tatsächlich vertraulich bleiben.
- Sie müssen nicht erst in einer Krise sein, um Unterstützung in Anspruch nehmen zu dürfen.
Wer psychische Gesundheit am Arbeitsplatz stärken will, sollte deshalb nicht nur fragen: «Welche Angebote haben wir?» Entscheidend ist die andere Frage:
«Würde ich dieses Angebot selbst nutzen, wenn ich befürchten müsste, dass es im Betrieb jemand erfährt?»
Literaturverzeichnis
- Long, T. (2024). Why are employee assistance programmes under-utilised and marginalised and how to address it? A critical review and a labour process analysis. Human Resource Management Journal, 34(4), 1134–1153. https://doi.org/10.1111/1748-8583.12547
- Siddiqui, S., Mencia Ledo, J., Premji, R., Lau, H. K. C., Balakrishnar, K., Choi, C., Allen, P., Kelly, A., Grand’Maison, M., Obeidat, D., Bani-Fatemi, A., & Nowrouzi-Kia, B. (2026). Comparing barriers to employee assistance program utilization in Canada and the United States using natural language processing and machine learning. PLOS Mental Health, 3(4), e0000589. https://doi.org/10.1371/journal.pmen.0000589
- Staatssekretariat für Wirtschaft [SECO]. (n.d.). Psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz: Allgemeine Informationen. Abgerufen am 29. September 2026, von https://www.seco.admin.ch/de/psy-at-work
- Ulshöfer, C., & Jensen, R. (2022). Job-Stress-Index 2022: Monitoring von Kennzahlen zum Stress bei Erwerbstätigen in der Schweiz (Faktenblatt 72). Gesundheitsförderung Schweiz. https://gesundheitsfoerderung.ch/node/8214
